Eine Marktstörung von außen
Die Finanzmärkte bewegen sich üblicherweise in einem erkennbaren Rhythmus. Doch hin und wieder kommt es zu Ereignissen, die diesen Rhythmus abrupt stören. Ein Beispiel hierfür ist der starke Anstieg der Ölpreise infolge der Eskalation im Nahen Osten. Gleichzeitig wirken in der Kryptowelt andere Kräfte, die sich langsamer entwickeln. Staaten entdecken das Bitcoin-Mining als strategisches Instrument, während kommerzielle Miner nach neuen Einnahmequellen suchen. Mehr dazu in dieser Ausgabe der Market News.
Markt-Update
Eine hilfreiche Art, Finanzmärkte zu verstehen, besteht darin, Kräfte auf drei Zeitebenen zu betrachten. Säkulare Kräfte wirken über Jahrzehnte. Man denke etwa an den Aufstieg neuer Technologien, die langsam reifen und breite Anwendung finden. Es gibt zudem säkulare Bullen- und Bärenmärkte. Der Aktienmarkt befindet sich seit dem Tiefpunkt im März 2009 – also seit 17 Jahren – in einem säkularen Bullenmarkt.
Auf kürzerer Zeitebene dominieren zyklische Kräfte. Nahezu jeder Markt kennt einen Rhythmus von Tief zu Hoch und wieder zurück. Der deutlichste Zyklus dauert meist vier bis sechs Jahre und hängt mit der Realwirtschaft zusammen: Konjunktur, Liquidität, Refinanzierungswellen und Wahlzyklen. In der Welt der Kryptowährungen kennen wir dies als zyklische Bullen- und Bärenmärkte, die im Durchschnitt alle vier Jahre wiederkehren.
In der Regel bestimmen säkulare und zyklische Kräfte gemeinsam die Richtung. Die Nachrichten des Tages sind dann vor allem Rauschen – kaum wahrnehmbar, wenn man eine Grafik mit halb geschlossenen Augen betrachtet. Doch hin und wieder geschieht etwas, das alles übertönt – ein Schock, der jede Analyse mit einem Schlag vom Tisch fegt.
Die Situation im Nahen Osten hat das Potenzial, einen solchen Schock auszulösen. Der WTI-Ölpreis stieg innerhalb von sieben Handelstagen um 90 % – von 63 auf 119 $. Setzt sich dieser Anstieg fort und steigt der Preis über 150 $ und bleibt dort über längere Zeit, dann hätten wir es mit genau so einem Schock zu tun. Deeskaliert die Lage hingegen, kehren wir in den vertrauten Rhythmus zyklischer und säkularer Kräfte zurück – und das Gesamtbild sieht plötzlich wieder deutlich positiv aus.
Im Fokus
Staaten als Bitcoin-Miner?
In Paraguay stehen Tausende Bitcoin-Miner buchstäblich bis zur Decke gestapelt in staatlichen Lagerhallen. Es handelt sich um Geräte, die bei illegalen Mining-Unternehmen beschlagnahmt wurden. Während andere Länder solche Hardware verkaufen würden, wählt Paraguay einen anderen Weg: Es will die Maschinen selbst einsetzen.¹
Die Regierung startet mit einem Pilotprojekt von rund 1.500 Minern. Paraguay produziert dank Wasserkraft enorme Mengen sehr günstiger Elektrizität. Allein der Itaipú-Staudamm erzeugt etwa 14 Gigawatt Strom, nahezu genug, um die gesamten Niederlande mit Energie zu versorgen. Da das Land selbst nur rund sieben Millionen Einwohner zählt, bleibt viel Strom ungenutzt. Bitcoin-Mining könnte für Paraguay daher eine Möglichkeit sein, diesen Energieüberschuss besser zu verwerten.
Die Idee ist nicht neu. Bhutan verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Das Himalaya-Königreich begann 2019 mit dem Bitcoin-Mining, ebenfalls betrieben mit Strom aus Wasserkraftwerken. Auf diese Weise hat Bhutan inzwischen mehr als 13.000 BTC angesammelt. Ein Teil der Erlöse wurde bereits für öffentliche Ausgaben verwendet, etwa für Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst und die Entwicklung einer neuen Wirtschaftszone.²
Für Länder mit einem Überschuss an grüner Energie kann Mining somit ein strategisches Instrument sein. Gleichzeitig steht dieselbe Aktivität im kommerziellen Sektor unter Druck.
Die Margen in der Branche sind in den vergangenen Monaten deutlich geschrumpft. Mehrere große börsennotierte Mining-Unternehmen verkaufen daher einen Teil ihrer Bitcoin-Reserven, um Betriebskosten zu decken oder Investitionen zu finanzieren.
Seit Oktober haben öffentliche Miner zusammen mehr als 15.000 Bitcoin veräußert. Zu den Verkäufern zählen unter anderem Core Scientific, Riot und Bitdeer. Viele Miner blicken inzwischen über Bitcoin hinaus. Ihre Rechenzentren werden zunehmend für KI- und andere rechenintensive Anwendungen umgerüstet, wo die Einnahmen stabiler sind als im weiterhin stark umkämpften Mining-Markt.³
Gerade deshalb sind die Entwicklungen in Paraguay und Bhutan besonders interessant. Während kommerzielle Miner verstärkt nach neuen Einnahmequellen suchen, sehen einige Staaten im Bitcoin-Mining eine Chance – vor allem, wenn sie über reichlich günstige Energie verfügen. In diesem Licht wird Bitcoin-Mining weniger zu einer reinen Industrie und mehr zu einem geopolitischen Instrument.
Quellen:
Weitere Nachrichten
- Morgan Stanley plant einen eigenen Bitcoin-ETF. Die US-Bank hat bei der SEC einen Prospekt für einen Fonds eingereicht, der direkt in Bitcoin investiert. Coinbase Custody fungiert als Verwahrstelle und BNY Mellon als Transferstelle. Für Morgan Stanley könnte dies zweierlei bedeuten: die Teilnahme am schnell wachsenden ETF-Markt und die dauerhafte Integration von Bitcoin in die Vermögensverwaltungsportfolios. Dies hätte weitreichende Folgen: Die Bank betreut rund 16.000 Berater und verwaltet ein Vermögen von fast 10 Billionen $.
- Circle testet ein System für „Nanozahlungen“ mit USDC. Das Unternehmen will extrem kleine Zahlungen ermöglichen, indem diese vor der Verarbeitung in der Blockchain gebündelt werden. Aktuell können beispielsweise Zahlungen von einem Cent in Stablecoins durch Transaktionsgebühren stark aufgezehrt werden. Durch die Bündelung Tausender Transaktionen, so Circle, sollen die Gebühren jedoch auf einen Bruchteil eines Cents pro Zahlung sinken. Der Fokus liegt dabei vor allem auf neuen Anwendungen wie Mikrozahlungen für KI-Dienste und automatischen Zahlungen zwischen KI-Agenten.
- Kasachische Zentralbank will bis zu 350 Millionen $ in den Kryptosektor investieren. Die Investition stammt aus einem Teil der Gold- und Währungsreserven und könnte bereits im Frühjahr erfolgen. Laut der Zentralbank geht es nicht nur um direkte Engagements in Kryptowährungen, sondern auch um Beteiligungen an Unternehmen, die in diesem Sektor tätig sind. Mit Reserven von fast 70 Milliarden $ ist es ein relativ kleines Experiment, das dennoch Bedeutung hat: Zentralbanken gelten als die zurückhaltendsten Akteure in der institutionellen Bewegung Richtung Krypto.
- Andreessen Horowitz zielt auf neuen Kryptofonds von rund 2 Milliarden $. Der Venture-Arm a16z crypto will bis Mitte 2026 seinen fünften Fonds schließen. Dieser ist kleiner als der vorherige Fonds über 4,5 Milliarden $ aus dem Jahr 2022, bleibt aber einer der größten Kapitalpools im Sektor. Bemerkenswert ist, dass das Fundraising in einer Phase startet, in der der Markt schwächer wirkt. Laut a16z bleibt die Blockchain-Technologie eine langfristige Entwicklung, auch wenn sich die Branche zunehmend in Richtung Finanzanwendungen wie Stablecoins, Tokenisierung und Staking verschiebt.
Quellen:
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine Marketingmitteilung noch eine Empfehlung dar. Keiner der hierin enthaltenen Inhalte sollte als Anlageberatung oder deren Ersatz betrachtet werden. Bitvavo übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der bereitgestellten Informationen. Investitionen sind mit Risiken verbunden. Es besteht die Möglichkeit, dass du dein gesamtes investiertes Kapital verlierst.